»Mein kuratorischer Ansatz besteht darin, das Unerwartete zu erwarten.«

Interview mit Silke Zimmermann, Kuratorin von "Musik und Lesung" im Krefeld Pavillon

Eindrücke vom Krefeld Pavillon in Krefeld
Krefelder Pavillon © Rohlfing

Der Krefeld Pavillon des Künstlers Thomas Schütte wurde 2019 im Rahmen einer Bauhaus-Ausstellung eröffnet. Wer hätte damals gedacht, dass der achteckige Zentralbau nur wenige Jahre später internationale Top-Musiker:innen anziehen würde?

Seit 2022 wird der Pavillon zum Ort der Musik und Literatur: „Musik und Lesung“, kuratiert von Silke Zimmermann, lädt internationale Künstler:innen verschiedenster Stilrichtungen ein – von Brad Mehldau bis Till Brönner. Der Raum ist intim, die Namen groß. Genreübergreifend und überraschend anders.

Ich habe mit Kuratorin Silke Zimmermann darüber gesprochen, wie sie dieses breitgefächerte Programm zusammenstellt und was sie dabei inspiriert. Zimmermann, die bereits für SONY Classical & Jazz, die Berlinale und Schloss Elmau gearbeitet hat, kann dank ihrer über 30-jährigen Festivalexpertise wie kaum eine andere einschätzen, was die Kulturlandschaft aktuell braucht, was ihr fehlt – und welcher entscheidende Aspekt dabei immer wieder übersehen wird.

Der Krefeld Pavillon zeichnet sich durch seine Akustik und besondere Atmosphäre aus. Was macht diesen Ort für dich so einzigartig?

Das hölzerne Oktagon, in dem die Künstler:innen quasi in der Mitte sitzen und das Publikum sie umgibt, schafft eine enorme Nähe. Wir haben nur 99 Plätze, das erzeugt eine radikale Intimität. Dadurch entsteht ein ganz anderer Dialog zwischen Bühne und Publikum.

Der Krefeld Pavillon lädt regelrecht dazu ein, Neues auszuprobieren. Hier entstehen Adaptionen, Miniaturen, Dinge, die man so woanders nicht machen würde. Ich bin irgendwann an diesem Pavillon vorbeigekommen, direkt an einem See gelegen, und dachte nur: super. Dass der Künstler Thomas Schütte die neue Nutzung so begrüßt, ist für mich ein großes Geschenk.

Porträt von Silke Zimmermann
Silke Zimmermann © Renate Forster

Das Programm von „Musik und Lesung“ reicht von Jazz bis Literatur, von internationalen Stars bis zu Nachwuchstalenten. Wie kuratierst du dieses vielseitige Programm?

Mir geht es vor allem darum, Menschen zu überraschen. Mein kuratorischer Ansatz ist es, ein überraschendes kleines Wunder zu erzeugen. Deshalb geht es mir nicht um Genres. Der Understatement-Titel „Musik und Lesung“ ist ganz bewusst gewählt.

Natürlich gibt es auch klare technische Grenzen. Wir haben nur eine Fluchttür, bestimmte Besetzungen wie ein Trio gehen schlicht nicht. Licht ist ebenfalls ein Thema, wir dürfen beispielsweise keine Nägel in ein Kunstwerk schlagen. All das definiert, was möglich ist.

Ich erlebe den Krefeld Pavillon als eine Art Wunderkammer. Und dann passieren Dinge, die man nicht planen kann: Till Brönner hat bei uns zum Beispiel eine Miniatur gespielt. Das macht er sonst kaum. Für mich ist das ein kleines Wunder. Es muss 90 Minuten hochspannend sein. Ich finde, es gibt unglaublich viel beliebigen Kram, bei dem man nach fünf Minuten schon alles gehört hat. Meine Ohren wollen überrascht werden – und die des Publikums vor allem.

Krefelder Pavillon © Michael Dannenmann

Welche Fehler beobachtest du immer wieder bei Festivals oder anderen Kulturveranstaltungen?

Es geht zu sehr um die Inhalte und zu wenig um das Setting. Ein Festival ist ein hochkomplexer Prozess, aber der Ort wird oft sträflich vernachlässigt. Ich fasse es nicht, wie viele Locations immer noch nach kaltem Rauch riechen. Die Räume werden nicht gepflegt.

Ein weiterer Fehler, den ich oft beobachte, ist die Redundanz. Wir müssen nicht alles verdoppeln, was es ohnehin schon gibt. Es braucht nicht den zehnten Poetry Slam in der Stadt. Es gibt überall das Gleiche. Stattdessen sollte man Lücken schließen und klar sagen: Warum lohnt es sich, heute Abend rauszugehen? Die Menschen haben heute mehr Angst denn je, das Haus zu verlassen. Zuhause auf dem Sofa ist es so schön gemütlich geworden seit Corona.

Wir sind mit dem Festival seit vier Jahren ausverkauft – nicht nur wegen der Namen, sondern vor allem wegen der Atmosphäre. Anfangs kamen Leute, denen es völlig egal war, wer spielt. Sie wollten diesen besonderen Raum erleben.

Was macht einen guten Festivalstandort aus, unabhängig von seiner Größe?

Das Ambiente muss stimmen. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch drumherum. Keine Garderobenschlangen, keine trockenen Brezeln, keine schlechte Parksituation, keine ekligen Toiletten. Mit 30 war mir das alles egal – da bin ich selbst in jeden Club in Berlin gegangen. Das war oft dunkel, laut, furchtbar. Heute ist mir das nicht mehr egal. Und dieses Feedback bekomme ich ständig.

Wir müssen auch endlich verstehen, dass das ausgehende Publikum immer älter wird. Es geht ihm darum, einen schönen Abend mit Freund:innen zu verbringen. Dafür braucht es ein gelungenes Gesamterlebnis. Wenn die Umgebung stimmt, kann man sich gleichzeitig besser auf das Programm konzentrieren.

Der Krefeld Pavillon zieht ein vielfältiges Publikum an, darunter auch viele ältere Besucher:innen. Was müssen Kurator:innen dabei beachten?

2030 wird jede zweite Person in Deutschland über 60 sein. Die „Boomer“ werden das Konzertleben also noch lange prägen. Für diese Generation ist das Setting entscheidend: ein schönes Glas Wein, ein gepflegter Raum, soziale Nähe. Die Musik rückt teilweise in den Hintergrund und ist eher zweitrangig.

Jüngere Menschen gehen eher für den Act selbst auf ein Konzert oder Festival. Sie nehmen schlechte Drinks eher in Kauf. Aber wenn wir Kultur langfristig denken, müssen wir die unterschiedlichen Prioritäten ernst nehmen. Die ältere Generation wird meiner Meinung nach falsch behandelt. Schließlich sind das diejenigen, die Woodstock und Co. selbst miterlebt haben.

Klavierkonzert im Krefelder Pavillon
© Silke Zimmermann Consulting

Was wünschst du dir für die deutsche Kulturlandschaft?

Geld. Ganz banal. Talent haben wir genug. Aber es kann nicht sein, dass Clubs jedes Jahr um ihre Existenz betteln müssen. Oder dass Pianist:innen auf verschrotteten Flügeln spielen, weil kein Geld für Instrumente da ist.

Kultur braucht eine andere Verankerung in den Haushalten. Die Wertschätzung fehlt. Und gleichzeitig sieht man, was passiert, wenn ein Künstler wie Till Brönner in Krefeld auftritt: Die ganze Stadt ist stolz. Kultur wird als Standortfaktor massiv unterschätzt. Firmen siedeln sich nicht in Städten an, in denen nichts los ist. Menschen wollen nicht in Städten leben, in denen es kein Kulturprogramm gibt. Ich gehe nicht jeden Tag ins Theater, aber ich bin trotzdem stolz auf das Theater hier in Krefeld. Die machen einen Killerjob.

Wie hat sich Kulturkommunikation in den letzten zehn Jahren verändert?

Ich beobachte, dass sich die Kulturkommunikation in den letzten Jahren enorm professionalisiert und beschleunigt hat. Früher hat man eine Pressemitteilung verschickt und ein Pressegespräch angeboten. Die Journalist:innen konnten mit Ja oder Nein antworten. Heute ist manchmal zehn Minuten nach Konzertende der fertig geschnittene Beitrag online. Mit Text, GIFs, Icons. Ich denke manchmal, ich träume. Ich finde das phänomenal und habe davor größten Respekt.

Gleichzeitig dürfen wir die klassischen Wege der Kommunikation nicht vergessen. Für Menschen über 60 funktionieren Flyer immer noch hervorragend. Wir verkaufen einen Großteil unserer Karten über Flyer. Wenn wir alle Generationen weiterhin erreichen wollen, brauchen wir eine fein ziselierte Mischung der kommunikativen Maßnahmen.

Was ist für dich die Zukunft von Festivals?

Überleben werden die, die Kuration wirklich ernst nehmen und ihr Profil maximal schärfen. Für mich bleibt es bei der Formel: 50 % Programm, 50 % Setting.

Gibt es eine Anekdote aus deiner Arbeit, die dir bis heute im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, absolut. Ich durfte einmal John McLaughlin nach Schloss Elmau einladen. Eine absolute Ikone, der erste große Fusiongitarrist, der mit indischen Musiker:innen gearbeitet hat. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Kurz vor Konzertbeginn, um 18:30 Uhr, kam er zu mir und fragte nach einem Spezialkabel. Seine gesamte Band war da, tonnenweise Equipment, aber dieses eine 75-Zentimeter-Kabel fehlte.

Der Hauselektriker hat uns geholfen, in sieben Minuten ein Kabel zu basteln. Ich hatte dementsprechend eine sehr schwere Konzertstunde. Aber: Es war das Konzert der Konzerte. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, hätten wir absagen müssen. 

Eindrücke vom Krefeld Pavillon in Krefeld
Krefelder Pavillon © Rohlfing