Interview mit Marc Gomariz Díaz, Co-Direktor des MIRA Festivals
MIRA basiert auf einer einfachen, aber kraftvollen Idee: Musik und digitale Kunst in perfekter Balance. Entstanden in Barcelona, einer Stadt, die sich leise, aber unübersehbar zu einem der weltweit wichtigsten Hotspots für immersive Kunst entwickelt hat, lebt MIRA von einem seltenen Gleichgewicht: 50 % Musik, 50 % digitale Kunst (und 100 % Einladung, sich im Dazwischen zu verlieren). Mit rund 9.000 Besucher:innen pro Tag verzeichnete das Festival 2025 die bislang höchste Besucherzahl.
Da ich MIRA selbst über Jahre aus der Perspektive des Publikums erlebt habe, wollte ich einen Blick hinter die Kulissen werfen. Ich habe mich mit Direktor Marc Gomariz Díaz zusammengesetzt, um über die Magie des kontrollierten Chaos zu sprechen, über seine Obsession für Innovation und darüber, warum Nachwuchskünstler:innen ein zentraler Bestandteil der DNA des Festivals sind. Marc beschreibt sich selbst als „viele Dinge zugleich“. Und das stimmt: Er ist Pionier, Kurator digitaler Kultur und Kopf der Digital-Arts-Agentur Landscapes. Vor allem aber ist er jemand, der versteht, wie man Welten erschafft.
MIRA gilt heute als eines der einflussreichsten Festivals Europas für digitale Kunst und audiovisuelle Erlebnisse. Welche Grundphilosophie prägt das Festival seit den Anfängen?
Als wir 2011 angefangen haben, war Digital Art noch kein fest etablierter Begriff. Viele Künstler:innen hatten Schwierigkeiten, ihre eigene Arbeit überhaupt zu benennen. Heute haben wir endlich eine gemeinsame Sprache dafür. Das Fundament von MIRA war von Beginn an klar: 50 % zeitgenössische Musik und 50 % digitale Kunst. Auf der einen Seite Konzerte, AV-Shows und DJ-Sets, auf der anderen immersive Installationen, VR und experimentelle digitale Arbeiten. Fünfzehn Jahre später sind wir immer noch eines der wenigen Festivals weltweit, das dieses 50/50-Modell konsequent verfolgt.
Wie beschreibst du MIRA in drei Worten?
Riesig. Technisch herausfordernd. Extrem erfüllend.
Gab es in diesem Jahr einen Moment, in dem du dachtest: Genau deshalb machen wir das?
Ja, am Freitagabend gegen 20 Uhr. Sechs Shows passierten gleichzeitig, verteilt auf drei Bühnen und mehrere Installationsräume. Eine Art kontrolliertes Chaos: Licht, Laser, Sound, Menschen, die intuitiv ihren eigenen Weg wählen. Jede Person erlebt etwas anderes. Und da rund 90 % unserer Shows Premieren oder speziell angepasste Versionen sind, begegnet das Publikum immer etwas Einzigartigem. Genau solche Momente treiben uns als Kurator:innen und Veranstalter:innen an.
Digitale Tools entwickeln sich extrem schnell. Wie bleibt ihr am Puls der Zeit und bewahrt gleichzeitig eine klare künstlerische Linie?
Am Ende landet alles in einer sehr großen Excel-Tabelle. Wir beobachten globale Trends – Licht, Laser, VR, Skulpturen, Interaktivität, Immersion – und versuchen, das gesamte Spektrum abzubilden. Dieses Jahr war unser bislang ambitioniertestes: 18 Installationen, 12 Performances, VR, immersive Screenings. Ein echtes Schaufenster unterschiedlicher künstlerischer Werkzeuge und Formate.
Wir arbeiten ohne Open Call, weil wir täglich drei bis fünf Einreichungen bekommen. Bis Juli waren es rund 250 Bewerbungen, von renommierten Künstler:innen ebenso wie von Newcomern aus Thailand, L.A., Chile oder Japan. Diese weltweite Welle an Kreativität wachsen zu sehen, ist unglaublich bereichernd.
Wie groß ist der Anteil neuer oder aufstrebender Künstler:innen im Programm?
Etwa 25–30 % unseres Programms stammen von Newcomern. Wir arbeiten außerdem eng mit Universitäten aus Barcelona zusammen: dieses Jahr waren fünf Acts aus drei Hochschulen dabei. Gleichzeitig zeigen wir natürlich auch große Namen. Aber die Nachwuchskünstler:innen bringen die Frische. Wir verstehen uns gern als Katalysatoren, die neuen Talenten helfen, international sichtbar zu werden.
Wie gestaltet ihr Erlebnisse, die sowohl Expert:innen als auch Menschen ansprechen, die zum ersten Mal mit immersiver Kunst in Berührung kommen?
Eine gute Kommunikation vor dem Festival ist entscheidend. Während des Festivals selbst soll es sich nicht wie in einem Museum anfühlen, sondern eher wie eine chaotische Galerie. Die Besucher:innen wählen ihren eigenen Weg, machen Notizen, Fotos – und melden sich danach bei uns, um nach Techniken oder Tools zu fragen. Wir bringen sie dann direkt mit den Künstler:innen in Kontakt.
Nach COVID bauen wir aktuell wieder einen professionellen Bereich auf: mit Masterclasses, Keynotes, Panels und Networking. Unser Ziel ist es, im kommenden Jahr Branchenformate am Donnerstag- und Freitagvormittag anzubieten. Sobald das Festival startet, übernimmt das Chaos. Umso wichtiger sind diese Räume, um die Reflexion innerhalb der Kreativwirtschaft Spaniens, Europas und darüber hinaus anzutreiben.
Welche Kommunikationskanäle haben sich für MIRA als besonders effektiv erwiesen?
Ganz klar Instagram und unser Newsletter. Überraschenderweise hat dieses Jahr auch Facebook sehr gut funktioniert – einige Posts hatten rund 300 Likes. Bei einem Publikum mit einem Durchschnittsalter von 38 bis 45 Jahren ergibt das durchaus Sinn. Zum ersten Mal haben wir außerdem mit lokalen Influencer:innen gearbeitet, was extrem erfolgreich war.
Welche Herausforderung hinter den Kulissen unterschätzen Besucher:innen am meisten?
Ganz klar: die Installationen. Bühnen sind relativ einfach. Man mietet sie, baut sie auf, macht den Soundcheck.
Installationen hingegen sind Handarbeit. Jede einzelne kombiniert Software, Objekte, Konstruktionen. Manche brauchen nur Sound, andere Licht, Struktur oder speziell entwickelte Technik. Unser technisches Produktionsteam, rund 92 Personen, arbeitet von April bis November an etwa 45 bis 50 künstlerischen Arbeiten. Selbst zwei Wochen vor dem Festival fehlen oft noch einzelne Elemente. Es ist wild – aber genau das gehört zu unserer DNA. Und die Installationen sind der meistfotografierte Teil von MIRA. Darauf werden wir niemals verzichten.
Barcelona gilt inzwischen als wichtiger Hub für digitale und immersive Kunst. Wie hat das lokale Ökosystem MIRA beeinflusst?
Enorm. Als wir angefangen haben, gab es nur wenige Studios und Kollektive, die mit digitaler Kunst gearbeitet haben. In den letzten drei Jahren ist das explodiert. Heute gibt es etablierte Namen, Mid-Career-Artists und Menschen, die erst seit sechs Monaten dabei sind. Und sie alle sind für uns gleich wichtig. Barcelonas kreative Szene boomt – und wir sind stolz darauf, diese Entwicklung zu stärken.
Wenn Zeit, Raum und Budget keine Rolle spielen würden: Was würdest du für MIRA realisieren?
Eine riesige Installation von Boris Acket oder Shohei Fujimoto, kombiniert mit einer monumentalen Arbeit des zeitgenössischen Künstlers Antoni Miralda aus Barcelona, der mit 83 Jahren immer noch beeindruckende Werke schafft. Einen erweiterten Pro-Bereich über drei Tage mit Kreativen aus aller Welt. Ein Musikprogramm mit Aphex Twin, Jon Hopkins, Caterina Barbieri und vielen mehr. Und unser aufblasbarer „Dome“ eine ganze Woche lang geöffnet – mit kostenfreiem Eintritt für Kinder, Familien und ältere Menschen. Kurz gesagt: so viele Künstler:innen wie möglich und ein siebentägiges Festival für alle.