»Die Kunst muss sich ihrer Stärke viel bewusster werden«

Im Gespräch mit Ricarda Ciontos, künstlerische Leiterin des NORDWIND Festivals

NORDWIND Festival
© NORDWIND, Erna Ómarsdóttir

Das NORDWIND Festival ist heute die größte Plattform für zeitgenössische Kunst aus Skandinavien und dem Baltikum im deutschsprachigen Raum. 2006 in Berlin gegründet, findet das Festival seit 2007 alle zwei Jahre statt – die nächste Ausgabe ist für Dezember 2026geplant. Was als kleines Schaufenster nordischer Kunst begann, hat sich zu einer transdisziplinären, international vernetzten Plattform entwickelt, die Tanz, Theater, Musik, Performance und Diskurs zusammenführt.

In Kooperation mit dem Hamburger Produktionshaus Kampnagel versammelt NORDWIND künstlerische Positionen aus den nordischen Ländern ebenso wie transglobale Kollaborationen. Politische, historische und gesellschaftliche Fragestellungen stehen dabei im Zentrum – Themen, die weit über eine rein geografische Perspektive hinausreichen.

Ich habe mit der künstlerischen Leiterin Ricarda Ciontos über ihren kuratorischen Ansatz, hemmende Förderlogiken im Kulturbereich und darüber gesprochen, warum gerade das Transdisziplinäre bei NORDWIND so gut funktioniert.

Das NORDWIND Festival begann als Schaufenster nordischer Kunst in Deutschland und ist heute eine transdisziplinäre Plattform. Was macht ihr anders als andere Festivals?

Ich glaube, was wir anders machen als andere Festivals, ist, dass wir Institutionen und freie Szene tatsächlich miteinander vernetzen – nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern international. Das ist natürlich herausfordernd, sowohl finanziell als auch logistisch.

NORDWIND versteht sich nicht als kurzfristiges Projekt, wir denken langfristig. Uns geht es darum, Künstler:innenbeziehungen über viele Jahre hinweg aufzubauen. Wir sind und bleiben eine Entdeckerplattform. Deshalb arbeiten wir nicht nur mit etablierten Namen, sondern suchen bewusst nach neuen künstlerischen Handschriften. Diese Haltung hat das Festival von Anfang an geprägt. Das war kein abgegrastes europäisches Gelände. Es ging immer darum, etwas Eigenes aufzubauen. Heute haben wir eine sehr spezifische Handschrift.

Eindrücke vom NORDWIND-Festival
© NORDWIND, Qudus Onikeku

NORDWIND findet alle zwei Jahre statt. Was steht für 2026 an? Welche Themen prägen die kommende Ausgabe?

NORDWIND hat sich über die Jahre immer stärker zu einer politisch-aktivistischen Plattform entwickelt. Mich interessiert, wie Künstler:innen auf die großen Herausforderungen unserer Zeit reagieren. Im Dezember 2026 wird es daher unter anderem um Desinformation, Fake News und Wahrheit gehen. Um Wahrheit oder Lüge – auch im Visuellen. Also auch um KI: Was kann Bühnenkunst in Zeiten von künstlicher Intelligenz leisten? Auf jeden Fall wird es sehr politisch.

Mir war es wichtig, dass wir uns von einer rein geografischen Klammer lösen: Der Kern liegt weiterhin auf den nordischen Ländern, aber immer eingebettet in einen globalen Kontext. In dieser globalen Einbettung müssen wir unbedingt darüber sprechen: Was heißt Kultur heutzutage – und welchen Fragen stellt sie sich?

Wie erlebst du die deutsche Sicht auf die nordischen Länder?

Hierzulande gibt es viele Stereotype. Die nordischen Länder werden oft überromantisiert: alles sei sauber und hygge, man denkt an Zimtschnecken und die glücklichsten Menschen der Welt. Das ist eine romantisierte Betrachtung, die natürlich auch mit einer finanziellen Projektion zu tun hat.

In Deutschland hat man oft den Eindruck: Die machen Kunst wie wir auch. Diese Perspektive greift aber zu kurz: Wenn man wirklich in den Norden geht, merkt man schnell: Das hat mit unserer Kunst hier in Deutschland überhaupt nichts zu tun. Der Zugang ist ein anderer, die Ästhetik ist eine andere. Gerade deshalb sind mir unsere Tandem-Residenzen so wichtig. Dabei arbeiten deutsche mit nordischen Künstler:innen zusammen. Aus Proberesidenzen entstehen langfristige Kooperationen, die jenseits von Klischees funktionieren.

Eindrücke vom NORDWIND-Festival
© NORDWIND, Madame Nielsen

Was ist deine persönliche Verbindung zu den nordischen und baltischen Ländern?

Herkunftsmäßig habe ich keine direkte Verbindung. Ich komme aus Bukarest. Nordische Literatur und Filme haben mich aber immer schon sehr interessiert. Erst durch eigene Erfahrungen vor Ort habe ich verstanden, wie anders die künstlerischen Zugänge und Ästhetiken tatsächlich sind. Diese Begegnungen haben meinen Blick verändert und mich dazu inspiriert, nicht nur aus einer urbanen Perspektive heraus zu denken.

NORDWIND steht für ein spartenübergreifendes Programm von Theater-, Musik-, Tanz- und Performancearbeiten. Welchen kuratorischen Ansatz verfolgst du?

Mich interessiert eine grundlegende Frage: Was für Kunst braucht unsere Zeit? Nicht: Was gibt es? Sondern: Was ist wirklich notwendig? Ich suche nach künstlerischen Stimmen, die für das, was sie tun, wirklich brennen. Die Kunstform ist dabei zweitranging. Entscheidend ist dieser innere „Urge“ – etwas, das wir brauchen.

Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Haltung, Kunst müsse sich ständig rechtfertigen nach dem Motto „niemand braucht uns, wir sind nicht systemrelevant“, glaube ich, dass Kultur sehr wohl gebraucht wird. Im Gegenteil: Kunst kann Dinge bewegen, die viele andere Bereiche nicht können. Der Kultursektor muss sich viel mehr seiner eigenen Kraft bewusst werden und selbstbewusst aus dieser Stärke heraus agieren, nicht aus einer vermeintlichen Schwäche.

Seit 2006 habt ihr über 1500 Künstler:innen eine Bühne gegeben. Gibt es etwas, das dir dabei besonders im Gedächtnis ist?

Das Thema Nachhaltigkeit liegt mir sehr am Herzen. Es gibt Künstler:innen, mit denen ich über viele Jahre hinweg arbeite. Eine davon ist Erna Ómarsdóttir, die lange die Iceland Dance Company geleitet hat und international tätig ist.

Gleichzeitig gehört das Entdecken neuer künstlerischer Positionen ganz zentral zu NORDWIND. Wenn Künstler:innen, die wir früh gezeigt haben, wie etwa Vegard Vinge oder Ida Müller, später große Häuser übernehmen oder institutionell sichtbar werden, entsteht allerdings auch ein gewisser Erwartungsdruck. Förderer erwarten dann, dass man andauernd jemanden entdeckt.

Das Thema Förderung ist zentral für Festivals. Wie setzt sich die Finanzierung von NORDWIND zusammen?

Unsere Finanzierung ist eine klassische Patchwork-Finanzierung. Rund 60–65 % stammen aus öffentlichen Förderungen, darunter die Stadt Hamburg, der Ministerrat und nordische Institutionen. Mit dieser Basis können wir überhaupt erst mit der Planung beginnen. Weitere Bausteine sind private und städtische Stiftungen (ca. 10–15 %), Sponsoring aus der freien Wirtschaft (8–10 %) sowie Reisekosten, die die Künstler:innen selbst beantragen.

Allein durch Sponsoring kann kein Festival machen. Man braucht die öffentliche Hand. Was ich mir vor allem wünsche, ist mehr Planungssicherheit. Nicht nur aus Hamburg, sondern auch aus den nordischen Ländern. Darüber habe ich zuletzt auch mit der nordischen Botschaft gesprochen.

Wo siehst du aktuell die größten Probleme in der Kulturförderung?

Das zentrale Problem ist die fehlende Nachhaltigkeit. Förderzusagen kommen oft viel zu spät, das macht es wahnsinnig anstrengend. Bevor du keine Zusage hast, kannst du kein Programm planen, niemandem verbindlich zusagen und das Festival kaum bewerben. Aktuell wissen wir, dass das Festival 2026 stattfinden wird, aber in welcher Größenordnung, ist noch offen. Das führt dazu, dass Kulturschaffende permanent in Antragslogiken gefangen sind.

Viele Förderinstitutionen denken fälschlicherweise, sie müssten ständig etwas Neues fördern. Aber was wir wirklich brauchen, ist Stabilität. Sonst rennen die Leute nur noch hinterher – und kommen nie wirklich zum Arbeiten.

Wie organisiert ihr eure Kommunikationsarbeit?

Die Kommunikationsarbeit ist bei NORDWIND immer eine Mischung aus interner und externer Arbeit. Ein großer Teil läuft über das Haus, also über Kampnagel. Meine Erfahrung ist: Es funktioniert nicht optimal, wenn ein Festival ausschließlich über die Kommunikationsstrukturen eines Hauses läuft. Ein Produktionshaus wie Kampnagel hat sein eigenes Programm, das ganzjährig kommuniziert wird. Eine Kommunikationsabteilung mit begrenzten Ressourcen kann nicht über Wochen hinweg ausschließlich ein Festival in den Fokus stellen.

Deshalb ist es mir wichtig, mindestens ein bis zwei externe Pressepersonen einzubinden, die NORDWIND gezielt begleiten. Für die kommenden Ausgaben wünsche ich mir ein noch stärkeres, eigenständigeres Branding von NORDWIND. Natürlich kann und soll ein Festival nicht mit einem Haus konkurrieren, das 365 Tage im Jahr Programm macht. Aber gerade deshalb stellt sich für mich die strategische Frage: Was erzählen wir über NORDWIND – und wie erzählen wir es? Welche Inhalte transportieren wir nach außen, welche Haltung, welches Selbstverständnis? Diese Fragen werden für die nächste Edition eine zentrale Rolle spielen.

Frau sitzt im dunklen Kino
© NORDWIND, Madame Nielsen