Kultur für alle: Wie dieses Festival seit 30 Jahren kostenlos bleibt

Interview mit Michael Gugelfuss, Festivalleiter des Obstwiesenfestivals

Kinder und Besucher beim Obstwiesenfestival
© Obstwiesenfestival

Ein Festival, drei Tage Musik, knapp 30.000 Besucher:innen – und das völlig kostenlos. Das Obstwiesenfestival gehört zu den traditionsreichsten „Umsonst-und-draußen“-Formaten Deutschlands. Seit 1990 verwandelt sich eine Obstwiese im beschaulichen Dornstadt bei Ulm jeden Sommer in einen Ort, an dem Generationen zusammenkommen: darunter treue Stammgäste, die das Festival seit Jahrzehnten begleiten.

Was als improvisiertes Projekt von verschiedenen örtlichen Gruppierungen begann, ist heute nicht mehr aus Dornstadt wegzudenken – getragen von über 400 Ehrenamtlichen und dem festen Glauben daran, dass Kultur für alle zugänglich sein sollte.

Im Gespräch erzählt Festivalleiter Michael Gugelfuss, wie das Festival entstanden ist, mit welchen Herausforderungen es heute besonders kämpft und warum die Obstwiese für so viele Menschen weit mehr ist als ein Festivalgelände.

Das Obstwiesenfestival blickt auf eine lange Geschichte zurück. Wie kam es 1990 zur Gründung – und was war die ursprüngliche Idee dahinter?

Die Wurzeln des Festivals liegen in den 90ern, einer Zeit, in der überall in Deutschland „Umsonst-und-draußen“-Festivals entstanden. Karlsruhe hatte damals schon „Das Fest“, Bonn die „Rheinkultur“, und in Vlotho gab es Formate wie das „U&D Festival“, die man heute als Pioniere dieser Bewegung bezeichnen würde. Die Gründer fanden diese Idee, Kultur wirklich für alle zugänglich zu machen, cool und wollten etwas Ähnliches in unserer Region auf die Beine stellen.

Das erste Obstwiesenfestival war klein und improvisiert. 1996 folgte ein Generationenwechsel, bei dem ich in die Organisation eingestiegen bin. Wir wollten das Festival weiterführen, die Grundidee bewahren, aber gleichzeitig professioneller arbeiten. Ein paar gute Sommer haben uns Luft verschafft, und wir konnten das Festival Schritt für Schritt weiterentwickeln. Das heißt, wir haben ein bisschen Geld auf die Seite gelegt, konnten im nächsten Jahr dann in die Infrastruktur investieren und das Festival immer weiter ausbauen. Natürlich gab es auch immer wieder Rückschläge.

Bühne bei Nacht
© Obstwiesenfestival

Was machst du, wenn du nicht gerade ein Festival leitest?

Ich bin selbstständig und führe eine Druckerei mit rund 40 Mitarbeiter:innen. Das Festival mache ich rein ehrenamtlich – so wie das gesamte Orga-Team. Wobei ich schon versuche, das strikt zu trennen. Die Festivalplanung ist für mich ein Hobby, das nach Feierabend stattfindet.

Porträt von Michael Gugelfuss

Ihr habt euch in den letzten Jahrzehnten enorm entwickelt. Was waren die größten Herausforderungen in den letzten Jahren?

Bis zur Pandemie waren die Technikpreise, Gagen und Infrastruktur gut im Gleichgewicht. Danach hat sich das komplett verändert und die Preise sind explodiert. Viele Technikfirmen hatten Personal verloren, Material wurde knapper, alles wurde teurer. Und weil viele Künstler:innen heute den Großteil ihres Einkommens über Live-Auftritte verdienen, sind auch die Gagen gestiegen. Für ein Festival ohne Eintritt ist das eine echte Aufgabe.

Hinzu kommt der Faktor Wetter. Bei Ticketfestivals kommen die Menschen auch bei Regen, schließlich haben sie bereits investiert. Bei uns ist das anders: Wenn das Wetter schlecht ist, bleiben viele zuhause. Und weil sich das Obstwiesenfestival fast ausschließlich über den Verkauf von Essen und Getränken finanziert, spüren wir jede Regenwolke sofort. Wenn statt 20.000 nur 12.000 Menschen kommen, kann das schnell eng werden. Diese Kombination aus Kostensteigerung und Abhängigkeit vom Wetter ist wahrscheinlich unsere größte Herausforderung.

Könnte dieser Druck irgendwann dazu führen, dass das Festival nicht mehr „umsonst und draußen“ stattfinden kann?

Theoretisch ja, praktisch hoffen wir, dass es nie so weit kommt. Wenn mehrere Jahre hintereinander schlechtes Wetter ist und gleichzeitig die Kosten immer weiter steigen, dann müssten wir diese Frage irgendwann stellen. Auch wenn die Infrastrukturpreise in den kommenden Jahren weiter so explodieren wie zuletzt, könnte es schwierig werden.

Aber die Identität des Festivals hängt stark daran, dass es für alle offen ist. Eintritt zu verlangen, würde das Publikum verändern. Vor allem Familien, die seit Jahrzehnten samstags kommen, würden wir verlieren. Deshalb kämpfen wir sehr dafür, dieses Modell zu erhalten – und bisher hat es jedes Jahr funktioniert.

Wie beschreibst du euer Publikum?

Unser Publikum ist unglaublich vielfältig. Über die Jahrzehnte sind mehrere Generationen mit uns großgeworden. Da gibt es Menschen, die seit 20 oder 30 Jahren jedes Jahr dabei sind, und gleichzeitig junge Besucherinnen und Besucher, für die das Obstwiesenfestival der Einstieg in die Festivalkultur ist.

Der Samstag beginnt traditionell mit einem Weißwurstfrühstück inklusive Blaskapelle und geht nahtlos in das Kinderprogramm über – ein Magnet für viele junge Familien. Abends verändert sich die Stimmung dann: Das Publikum wird jünger, lauter, energiegeladener. Genau diese Mischung macht das Festival aus. Das ist etwas, das sich nicht planen lässt, sondern organisch gewachsen ist.

© Obstwiesenfestival

Ihr arbeitet komplett ehrenamtlich. Wie organisiert ihr euch untereinander?

Unser Kernteam besteht aus rund 30 Menschen. Wir treffen uns regelmäßig – mal digital, mal vor Ort – und organisieren alles, was ein Festival dieser Größe braucht. Jede Person hat klare Aufgaben: die einen kümmern sich um Getränke, andere um die Essensstände, wieder andere um die Infrastruktur wie Strom, Wasser oder Sanitäranlagen. Dazu kommen Booking, Pressearbeit, Social Media und natürlich unzählige Abstimmungsrunden. Nach jeder Sitzung gibt es ein Protokoll, damit alle auf dem gleichen Stand bleiben. Diese klare Struktur ist absolut notwendig.

Was ist das Geheimnis dahinter, dass euch Jahr für Jahr über 400 Helfer:innen unterstützen und viele von ihnen seit Jahrzehnten dabei sind?

Ich glaube, das hat viel mit Atmosphäre zu tun. Wer bei uns hilft, kommt nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Gemeinschaft. Die Leute wollen Teil des Festivals sein, sie wollen die Menschen wiedersehen, mit denen sie seit Jahren zusammenarbeiten, und sie wollen das Festival unterstützen.

Ein schönes Detail ist unser Helfer-T-Shirt, das jedes Jahr neu gestaltet wird und eine eigene Farbe hat. In Ulm sieht man es ständig auf Konzerten oder Veranstaltungen. Es ist ein kleines Symbol, das sagt: Ich gehöre zur Obstwiesenfamilie. Das stärkt den Zusammenhalt enorm.

Man merkt einfach, dass unsere Helfer:innen freiwillig da sind und richtig Lust auf die Veranstaltung haben. Das sorgt für eine ganz andere Energie als bei professionellen Caterern. Bei uns wissen alle: Wir geben zusammen Gas – und genau das macht das Festival möglich.

Yoga beim Obstwiesenfestival
© Obstwiesenfestival

Wie bedeutend ist Sponsoring für euch?

Sponsoren sind für uns nach wie vor unverzichtbar – aber sie decken längst nicht mehr die Programmkosten, wie das früher einmal möglich war. Auch wenn das Plakat voll aussieht: Mit Sponsoring allein lässt sich das Programm heute nicht finanzieren. Die Gagen sind gestiegen, viele Unternehmen müssen sparen, und beim Marketing wird schnell der Rotstift angesetzt.

Umso wertvoller sind die langjährigen Partner, die uns seit vielen Jahren begleiten. Mit einigen verbindet uns ein richtig persönliches Verhältnis: Man fragt kurz nach, ob sie wieder dabei sind – und oft kommt sofort ein „Ja, natürlich“. Das gibt Stabilität, ersetzt aber nicht die Einnahmen, die früher möglich waren. Neue Sponsoren zu gewinnen, ist tatsächlich sehr schwierig.

Wie entsteht das Festivalprogramm, das jedes Jahr im August auf der Obstwiese landet?

Sobald ein Festival endet, beginnt im Grunde schon die Vorbereitung für das nächste. Ab Oktober starten wir offiziell in die neue Runde – parallel zur gesamten Nachbereitung, Buchhaltung und all den administrativen Aufgaben, die man von außen kaum wahrnimmt. Früher begann das Booking erst im Januar, aber heute planen Künstler:innen deutlich langfristiger, weshalb wir viel früher in den Austausch gehen müssen.

Wir stehen laufend mit Agenturen in Kontakt, prüfen, was realisierbar ist, und arbeiten mit einer Art „Old-Time-Favorites“-Liste: Artists, die wir schon immer einmal auf der Obstwiese sehen wollten. Diese Liste wächst kontinuierlich,

Gleichzeitig erreichen uns jedes Jahr extrem viele Bewerbungen von Bands und Einzelkünstler:innen. Ich versuche, so viel wie möglich reinzuhören, und in den vergangenen Jahren haben wir tatsächlich immer ein oder zwei Acts direkt über diesen Weg ins Line-up aufgenommen. Bis Mai steht das Programm dann größtenteils fest.

OWF beim Obstwiesenfestival
© Obstwiesenfestival