Interview mit Georg Waibel, Künstler und Mitbegründer des PFFFestivals
Jeden Sommer wird Stuttgart zur offenen Galerie: Im Rahmen des PFFFestivals verwandeln internationale Künstlerinnen und Künstler Fassaden zu spektakulären Murals. Der öffentliche Raum wird zur Bühne – und dort, wo früher graue Flächen waren, entstehen visuelle Ankerpunkte. Orte, an denen Nachbar:innen stehen bleiben, zuschauen, ins Gespräch kommen. Seit 2022 wächst so Jahr für Jahr die stilistische Vielfalt der Muralkunst in allen Stadtteilen, begleitet von spontanen Begegnungen zwischen Kunstschaffenden und den Menschen vor Ort.
Das PFFFestival zählt inzwischen zu den wichtigsten Urban-Art-Formaten im süddeutschen Raum – nicht nur, weil es Kunst in den Alltag holt, sondern weil es zeigt, wie sehr Kunst den Stadtraum verändern und verbinden kann.
Im Interview spreche ich mit Georg Waibel, Künstler und Co-Founder des Festivals, über kuratorische Entscheidungen jenseits des White Cube, Fassaden als soziale Treffpunkte und Herausforderungen hinter den Kulissen eines Projekts, das den Atem der Stadt immer wieder neu mitgestaltet.
Welche Idee steckt hinter dem PFFFestival, das den öffentlichen Raum Stuttgarts jedes Jahr aufs Neue verwandelt?
Wir wollen urbane Kunst sichtbar und für alle zugänglich machen. Ohne Eintritt, ohne Hürden. Denn Kunst ist für alle da. Das Festival bringt internationale Künstler:innen nach Stuttgart und zeigt, wie stark Kunst den öffentlichen Raum prägen, irritieren, verändern und letztendlich auch verbinden kann. Urban Art ist für uns kein Nischenphänomen, sondern ein wichtiges kulturelles Werkzeug, um Stadtgesellschaft ins Gespräch zu bringen. Damit dieser Prozess nachvollziehbar bleibt, begleiten wir jedes Mural transparent: mit Infos direkt an der Wand, Social-Media-Beiträgen, Filmdokumentationen und unseren PFFFestle, bei denen man die Artists persönlich treffen und mit ihnen ins Gespräch kommen kann.
Welcher kuratorische Ansatz leitet euch dabei?
Wir kuratieren bewusst divers: stilistisch, paritätisch, geografisch und hinsichtlich der künstlerischen Handschrift. Wir möchten auch Künstler:innen aus der klassischen Bildenden Kunst die Möglichkeit zu geben, ihre erste große Fassade zu gestalten. Das Festival soll jedes Jahr visuell anders aussehen und die Breite urbaner Kunst zeigen – von figurativ bis abstrakt, von Schriftbildern bis grafischen Konzepten. Kuration im öffentlichen Raum unterscheidet sich allerdings stark vom White Cube. Viele Faktoren beeinflussen die Machbarkeit einer Fläche – von Statik und Zugänglichkeit bis hin zu städtebaulichen Vorgaben. Unser Anspruch ist es deshalb, künstlerische Freiheit zu ermöglichen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Arbeit im Kontext des Stadtraums funktioniert.
Was war dein persönliches Highlight des diesjährigen Festivals?
Ganz klar: die Begegnungen vor Ort. Besonders bei den PFFFestle. Dort merkt man, wie die Wände Menschen zusammenbringen, die sich vorher nie begegnet wären: Nachbarschaft, Kunstinteressierte, Passant:innen. Genau für solche Momente machen wir das PFFFestival. Ein weiteres Highlight war die Ausstellungseröffnung und die Präsentation unseres PFFF-Journals. Man spürt, wie sich das Festival zu einer Plattform entwickelt hat, die nicht nur künstlerisch, sondern auch dokumentarisch und diskursiv ist.
Welche Reaktionen aus der Stadtgesellschaft haben euch besonders überrascht?
Wie positiv und neugierig viele Anwohner:innen reagieren, hat uns tatsächlich überrascht. Beim Malen entstehen oft lange Gespräche, manche bringen spontan Kaffee vorbei, andere erzählen, wie das neue Mural ihren Blick auf die Straße verändert. Man spürt, dass Urban Art Diskussionen auslöst – aber vor allem Verbundenheit. Die Identifikation mit dem eigenen Viertel wächst deutlich stärker, als wir zu Beginn erwartet hätten.
Was waren die größten Herausforderungen in den letzten Jahren?
Eine große Herausforderung ist, neben den genehmigten Fördermitteln weitere Finanzmittel zu organisieren, um das Festival in seiner ganzen Bandbreite zu realisieren. Dazu kommt jedes Jahr die Fassadenakquise. Dieser Prozess erfordert sehr viel Zeit und Sensibilität. Sind die Fassaden gefunden, beginnt die eigentliche Arbeit: Genehmigungen, Logistik, Materialbeschaffung, Absprachen zu Motiven, Statik, Zugänglichkeit und Anwohnerkommunikation. Jede Wand ist ein eigenes Projekt – mit individuellen Anforderungen und engem Zeitfenster, da alles im Sommer passieren muss.
Welche Rolle spielen Sponsoren und Partnerinnen?
Eine riesige. Viele Dinge wären ohne sie schlicht nicht machbar. Dazu gehören beispielsweise Fahrzeuge, Materialrabatte oder Infrastruktur. Über die Jahre sind Partnerschaften entstanden, die das PFFFestival nicht nur finanziell, sondern auch ideell tragen.
Wie organisiert ihr eure Kommunikationsarbeit?
Wir arbeiten kombiniert: intern über unsere Kanäle, Website, Social Media, Pressetexte und punktuelle Kooperationen. Jede Wand bekommt ihren eigenen Kommunikationsmoment – von der Ankündigung bis zur Filmdokumentation. Dabei ist uns die Nähe zum Entstehungsprozess wichtig: Menschen bekommen unmittelbar mit, wenn etwas passiert. Das PFFF Journal und unsere Dokumentationen geben dem Festival zudem einen nachhaltigen Rahmen.
Wo liegen eure größten kommunikativen Herausforderungen?
Unsere größte kommunikative Herausforderung ist die kontinuierliche Sichtbarkeit – vor allem mit einem kleinen Team und ohne großes Budget. Kommunikation, Kuration und Projektorganisation laufen bei uns parallel, und das erfordert ständige Priorisierung. Auch die kontinuierliche Kommunikation während des Jahres braucht mehr Ressourcen, als ein kleines Team dauerhaft abdecken kann.
Gibt es Dinge, die ihr gerne ausprobieren würdet, wenn Zeit oder Budget keine Rolle spielen würden?
Auf jeden Fall. Großflächigere Fassaden, internationale Kollaborationen, ein Symposium für Urban Art mit anderen großen Festivals, Workshops für Jugendliche, eine temporäre Outdoor-Ausstellung, ein Stipendienprogramm und eine dauerhaft bespielbare Plattform für Urban Art in Stuttgart. Und vielleicht sogar ein riesiges „Signature Wall“-Projekt, das jedes Jahr neu gestaltet wird.
Beschreibe das PFFFestival in drei Worten.
Künstlerisch. Zugänglich. Farbenfroh.