Warum wir das Konzept von Verbündetenschaft und Solidarität überdenken müssen – Eine Podiumsdiskussion bei der Spore Initiative
Drastische Budgetkürzungen, Schließungen, die zur Normalität werden, und ein zunehmendes Klima aus politischem Druck und Kontrolle: Die Kulturlandschaft in Deutschland wirkt angespannter denn je Gleichzeitig zeigen solche Krisenmomente im Kulturbereich mehr als nur interne Probleme auf – sie machen sichtbar, welche gesellschaftlichen Verschiebungen gerade insgesamt stattfinden.
Die zweitägige Veranstaltungsreihe „New Allies“ wurde genau vor diesem Hintergrund ins Leben gerufen. Sie brachte unterschiedliche Perspektiven zusammen, um eine zentrale Frage zu diskutieren: Was bedeutet Solidarität in Zeiten von großer Unsicherheit?
Kuratiert von der Schauspielerin und transdisziplinären Kuratorin Ricarda Ciontoswurden die interdisziplinären Podiumsdiskussionen vom SISUtheater e.V. in Zusammenarbeit mit der Spore Initiativeinitiiert und von der Schöpflin Stiftung sowie der Asociatia Centrul de Cultura al Romilor Dolj unterstützt.
Im Kern drehte sich die Diskussion um eine Reihe dringlicher Fragen: Wie können wir neu definieren, was uns in einem zunehmend rauen politischen und kulturellen Klima ein Gefühl der Sicherheit vermittelt? Und warum ist es wichtiger denn je, über Solidarität nicht nur als Einheit, sondern auch als Widerstand zu sprechen? Was die Diskussion besonders dringlich machte, war nicht nur die Situation innerhalb des Kultursektors, sondern das zunehmend feindselige politische Klima, das sie widerspiegelt.
Ich war am 22. April 2026 bei der Diskussion in der Spore Initiative in Berlin-Neukölln dabei. Der Begriff „Solidarität“ wird aktuell fast schon inflationär verwendet – oft als Buzzword, selten als gelebte Praxis. Umso gespannter war ich auf die Perspektiven, die hier zusammenkommen würden. Vom ersten Moment an wurde deutlich, wie viele unterschiedliche Erfahrungen, Ängste und Frustrationen sich um dieses Thema ranken.
„New Allies“ brachte sechs sehr unterschiedliche Stimmen zusammen, die alle aus verschiedenen Positionen heraus sprechen – und sich dennoch mit derselben Frage auseinandersetzen: Was geschieht mit Solidarität unter Druck? Wird sie umso stärker oder bricht sie in sich zusammen?
Über die Speaker
Amelie Deuflhard
Amelie Deuflhard ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen freien Kunstszene. Seit Anfang der 1990er Jahre ist sie in der Berliner Theaterszene tätig und prägt seit Jahrzehnten das kulturelle Schaffen an der Schnittstelle von Kunst und Politik. Seit 2007 ist sie künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Kampnagel in Hamburg, einer Einrichtung, die für ihr progressives Programm und ihre politische Positionierung bekannt ist.
Antonia Alampi
Antonia Alampi ist Kuratorin, Kulturveranstalterin, Forscherin und Autorin und lebt in Berlin, wo sie als Leiterin der Spore Initiative tätig ist. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen gemeinschaftsbasierte Praktiken, kollektive Wissensproduktion und Formen der Solidarität, die jenseits institutioneller Rahmenbedingungen entstehen.
Jean Peters
Jean Peters ist leitender Reporter bei Correctiv, Deutschlands größter gemeinnütziger investigativer Redaktion. Er ist bekannt für die Entwicklung unkonventioneller Formen des investigativen Journalismus; seine Arbeit bewegt sich oft an der Schnittstelle zwischen Recherche, Aktivismus und Medienkritik. In einer Zeit, in der der Journalismus selbst unter politischem Druck steht, erweitert seine Perspektive die Diskussion über den kulturellen Bereich hinaus.
Eva Yakubovska
Eva Yakubovska ist eine in Berlin lebende Kulturaktivistin, Journalistin und Kuratorin, deren Schwerpunkt auf der Förderung der ukrainischen Kultur und Geschichte in Europa liegt. Ausgehend von ihren Erfahrungen mit politischen Umbrüchen und Krieg bringt sie eine Perspektive ein, die in starkem Kontrast zu westlichen institutionellen Rahmenbedingungen steht. Als Mitbegründerin von Vitsche ist ihre Arbeit tief in der Zivilgesellschaft verwurzelt und hinterfragt vorherrschende Narrative rund um Macht.
Mario Neumann
Mario Neumann ist Chefredakteur des medico-Newsletters und vertritt medico international im politischen Berlin. medico international setzt sich für globale Gerechtigkeit ein und arbeitet weltweit mit Basisbewegungen zusammen. Sein Beitrag erweitert die Debatte über den Kultursektor hinaus und verortet sie in den globalen Kämpfen um Ungleichheit, Konflikte und die Rolle der Zivilgesellschaft.
Myropi-Margarita Tsomou
Die Diskussion wurde von Myropi-Margarita Tsomou moderiert, einer griechischen Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Dramaturgin und Kuratorin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich intensiv mit Queer-Feminismus, Performance-Theorie und politischem Diskurs. Als Moderatorin lotste sie das Gespräch zwischen theoretischer Reflexion und konkreten politischen Realitäten.
Highlights aus der Podiumsdiskussion
Im Laufe der Diskussion wurde deutlich, dass die angesprochenen Spannungen weit über den Kultursektor hinausreichen. Dennoch ist der Kulturbereich besonders stark betroffen. Die Podiumsdiskussion begann mit einem viel diskutierten Zitat des „Welt“-Redakteurs Ulf Poschardt, der offen erklärte, der Kultursektor solle „Angst“ vor dem konservativen Staatssekretär für Kultur, Wolfram Weimer, haben. Ein Statement, das für Kopfschütteln sorgte.
Was folgt, ist eine Auswahl von Fragen und Gedanken, die bei mir besonders hängen geblieben sind:
Myropi-Margarita Tsomou: Solidarität ist nicht homogen. Wir handeln aus unterschiedlichen Positionen heraus – und damit gehen auch unterschiedliche Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten einher.
Wo spürt ihr aktuell Druck?
Antonia Alampi: Vieles von dem, was wir gerade erleben, war absehbar. Aus der Perspektive von Spore als privat finanzierte Institution stehen wir nicht unter dem gleichen Druck wie beispielsweise öffentlich finanzierte Organisationen.
Gleichzeitig haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass viele der bedeutendsten Formen der Solidarität gar nicht von Institutionen ausgehen. Sie gehen vielmehr von selbstorganisierten Gruppen, Gemeinschaften und der Zivilgesellschaft aus. Von Menschen, die dafür kein Geld bekommen, nicht sichtbar sein wollen, sondern einfach handeln.
Dies wirft eine entscheidende Frage auf: Was bedeutet Solidarität, wenn sie Teil einer bezahlten Tätigkeit wird, und inwiefern unterscheidet sich dies von Praktiken, die auf Gegenseitigkeit beruhen? Für mich stellt sich die Frage, wie das Kulturfeld beginnen kann, das, was bereits geschieht, anzuerkennen, zu unterstützen und sich dahinter zu stellen.
Amelie Deuflhard: Im Moment glaube ich nicht, dass wir uns vor Wolfram Weimer fürchten sollten. Er scheint sich vielmehr vor uns zu fürchten. Wir sind eine staatlich finanzierte Einrichtung, aber das bedeutet nicht, dass wir die Bundesregierung vertreten. Wir sind Teil einer lokalen Struktur, in unserem Fall Hamburgs. Und doch hat man zum ersten Mal das Gefühl, dass unsere Arbeit nicht mehr auf politische Unterstützung ausgerichtet ist.
Wir haben uns jahrelang mit Themen wie Migration, Gleichberechtigung und Inklusion beschäftigt und dabei immer davon ausgegangen, dass wir auf der „richtigen Seite“ stehen. Nun haben wir zunehmend das Gefühl, dass wir uns auf der falschen Seite der Regierung befinden.
Der Druck wächst – durch Absagen, politische Einflussnahme, Entscheidungen, die infrage gestellt werden. Für mich ist deshalb klar: Wir müssen Widerstand leisten. Wir müssen weitermachen und zu unseren Entscheidungen stehen. Auch wenn das bedeutet, als Jury zurückzutreten, wenn politische Einmischung diese Entscheidungen untergräbt.
„Wir müssen Widerstand leisten.“
Myropi-Margarita Tsomou: Amelie, wir arbeiten beide in staatlich finanzierten Einrichtungen. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Arbeit innerhalb einer solchen Einrichtung sich grundlegend von der Arbeit außerhalb unterscheidet. Damit gehen andere Möglichkeiten einher, aber auch andere Einschränkungen. Was kann man von dieser Position aus bewirken, und wo liegen die Grenzen?
Amelie Deuflhard: Es gibt zwei Aspekte meiner Position, die sich ein wenig von denen traditionellerer, staatlich finanzierter Institutionen unterscheiden. Erstens komme ich aus der freien Szene. Ich habe viele Jahre ohne feste Verträge und ohne festes Einkommen gearbeitet. Zweitens hat Kampnagel selbst eine andere Geschichte. Es begann als besetzter Raum, was es von vielen anderen Institutionen unterscheidet.
Heute ist Kampnagel eine große Institution mit rund 150 Mitarbeitern. Von Anfang an war es mein Ziel, die Flexibilität und Dynamik der unabhängigen Szene in diese Struktur einzubringen.
Gleichzeitig war für mich schon immer eine der zentralen Fragen: Wer ist in unseren Institutionen eigentlich vertreten? Wir können nichts verändern, wenn kulturelle Einrichtungen Orte bleiben, die in erster Linie von weißen, deutschen Perspektiven geprägt sind. Wenn eine Einrichtung öffentlich finanziert wird, sollte sie die Vielfalt der Stadt und der Gesellschaft als Ganzes widerspiegeln. Deshalb haben wir eng mit vielen verschiedenen Communities zusammengearbeitet, darunter auch mit marginalisierten Gruppen. Heutzutage gewinnt diese Arbeit noch mehr an Bedeutung.
Denn diese Gemeinschaften sind nicht von der Einrichtung getrennt – sie sind Teil davon. Und daraus ergibt sich auch die Verantwortung, sie zu schützen.
Myropi-Margarita Tsomou: Jean, bist du mit Correctiv an Solidaritätsinitiativen beteiligt? Wer gehört zu eurem Netzwerk? Und welche Praktiken ergeben sich daraus?
Jean Peters: Um es kurz zu fassen: Wir finanzieren uns durch Spenden. Das ermöglicht es uns, kostenlose Schulungen anzubieten und Projekte wie die Reporterfabrik unzusetzen, bei der viele Menschen mit uns zusammenarbeiten. Wir gehen auch in die Gemeinden, zum Beispiel mit Programmen, die sich auf Orte konzentrieren, an denen der lokale Journalismus gerade dabei ist zu verschwinden.
Doch abgesehen von diesen Programmen ist mir vor allem wichtig, wie wir als Team zusammenarbeiten. Wir verfolgen den Ansatz, über den klassischen journalistischen Lebenslauf hinwegzusehen. Ich selbst habe nie eine Journalistenschule besucht. Wir suchen aktiv nach den Personen, die mein Chef als „Misfits“ bezeichnet. Menschen, die vielleicht nie beimSpiegel arbeiten würden, die aber auf ihre ganz eigene Art brillant denken und die Welt sehen.
Dadurch entsteht eine ganz andere Art von Vielfalt, die über die üblichen ideologischen Rahmen hinausgeht. Bei Correctiv wird wirklich deutlich, wie unterschiedlich die Menschen sind.
In einer Situation, in der der Staat zunehmend versagt, grundlegende Rechte zu sichern, stellt sich die Frage: Wie organisieren wir uns selbst?
„Wir sind nicht machtlos. Wir sind nicht an der Macht.“
Mario Neumann: Wir sollten uns bewusst darüber sein, dass, wenn wir von Solidarität sprechen – und natürlich freue ich mich, hier in dieser Runde zu sitzen und darüber zu sprechen –, Solidarität nicht nur von den Linken, von Progressiven oder im kulturellen Bereich praktiziert wird. Jeder braucht Solidarität. Und darauf gibt es unterschiedliche Antworten, auch von der Rechten und der extremen Rechten.
Aus einer globaleren Perspektive würde ich sagen, dass Nationalismus heute die vorherrschende Antwort ist. In Zeiten der Unsicherheit, wachsender Ungleichheit und anhaltender Konflikte wird Nationalismus zur Antwort: Wir sind eins, wir kämpfen als Nation, und interne Unterschiede werden ausgeblendet. Aus meiner Sicht ist es daher entscheidend, eine andere Form der Solidarität zu finden. Nicht, weil wir machtlos sind, sondern weil wir nicht an der Macht sind.
Solidarität bedeutet auch, Macht zu organisieren. Für uns selbst und für andere. Für mich bedeutet das, dass Solidarität zwischen ungleichen Leuten passieren sollte.
Der Abend in der Spore Initiative hat keine klare Antwort darauf gegeben, was Solidarität heute bedeutet – und vielleicht war genau das der Punkt.
Was die Diskussion umso mehr verdeutlicht hat, ist dass sich Solidarität nicht auf eine einfache Definition reduzieren lässt.
Danke für die Einladung und dafür, einen Raum zu schaffen, in dem genau solche Fragen gestellt werden können.